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Telefonschalte 02.10.2026 17:08:00

Ölpreis rutscht ab: Nach Diesel-Streit zwischen Europa und Washington - G7-Staaten geben 100 Millionen Barrel an Vorräten frei

Ölpreis rutscht ab: Nach Diesel-Streit zwischen Europa und Washington - G7-Staaten geben 100 Millionen Barrel an Vorräten frei

Ein Vorschlag aus Paris setzt den Ölpreis kräftig unter Druck, doch eine Bedingung aus den Brüsseler Gesprächen zielt direkt auf Washington.

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  • Brent fällt unter 100 US-Dollar je Barrel
  • Paris schlägt Freigabe von je 50 Millionen Barrel Diesel und Rohöl vor
  • USA drängen Europa vor Kongresswahlen zu schneller Hilfe

Die Aussicht auf zusätzliche Notreserven aus Europa schickt die Ölpreise nach anfänglicher Seitwärtsbewegung kräftig ins Minus. Ein Barrel der Nordseesorte Brent mit Lieferung im Dezember verbilligte sich am Freitagvormittag um über drei Prozent auf 99,20 US-Dollar und rutschte damit wieder unter die wichtige Marke von 100 US-Dollar. Auch das US-Leichtöl WTI mit Lieferung im November gab spürbar nach, um rund vier Prozent auf 89,07 US-Dollar. Auslöser ist ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters, wonach die Staaten der Europäischen Union über einen französischen Vorschlag beraten, Diesel und Rohöl aus ihren Notvorräten auf den Markt zu bringen.

Frankreichs Plan: je 50 Millionen Barrel Diesel und Rohöl

Wie Reuters unter Berufung auf zwei mit den Gesprächen vertraute Personen berichtet, berieten die EU-Regierungen am Freitag in einer Telefonschalte über den Vorstoss aus Paris. Demnach sollen die europäischen Länder 50 Millionen Barrel Diesel freigeben, die Mitglieder der Internationalen Energieagentur (IEA) zusätzlich 50 Millionen Barrel Rohöl. Zur Einordnung: Im März dieses Jahres hatten sich die 32 Mitgliedsstaaten der IEA wegen der Lieferausfälle durch den Krieg mit dem Iran auf die Freigabe von 400 Millionen Barrel verständigt, die grösste koordinierte Aktion dieser Art in der Geschichte. Der neue Vorschlag fiele damit deutlich kleiner aus.

Brisant ist jedoch eine Bedingung, die in der Schalte zur Sprache kam. Eine weitere Freigabe solle nur mit der Zusage Washingtons kommen, auf ein einseitiges Exportverbot für Diesel zu verzichten, sagte einer der Informanten der Agentur. Einer der Quellen von Reuters zufolge hatten die USA von grossen Ländern wie Frankreich und Deutschland verlangt, binnen 20 Tagen sogar 100 Millionen Barrel Diesel bereitzustellen. Damit rückt in den Mittelpunkt, wer in diesem Tauziehen den Takt vorgibt.

Washington erhöht den Druck auf Europa

Den Ton hatte US-Finanzminister Scott Bessent am Donnerstag gesetzt. Die europäischen Partner sollten ihre bestehenden Zusagen schneller umsetzen und sofort zusätzliche Mengen bereitstellen, um die anhaltenden Störungen abzufedern, schrieb er in den sozialen Medien. Amerikanische Landwirte, Fernfahrer und Unternehmen dürften nicht allein die Last eines weltweiten Dieselmangels tragen. Dahinter steht der Preisdruck an den heimischen Zapfsäulen: Nach Daten des Automobilclubs AAA kletterte der durchschnittliche Dieselpreis in den USA Ende September auf das Rekordhoch von 6,50 US-Dollar je Gallone. Vor den Kongresswahlen am 3. November wächst damit der politische Druck auf die Regierung von Präsident Donald Trump.

Trump selbst hatte Ende September erklärt, er erwäge ein Exportverbot für Diesel „sehr ernsthaft“. Am Mittwoch räumte er dann ein, ein solcher Schritt könne sich negativ auf den Benzinmarkt auswirken, und am Donnerstag sagte er in Texas, er „könnte“ die Europäer um eine Freigabe ihrer Reserven bitten. Für Europa wäre ein Exportstopp heikel. Nach Angaben der IEA stammte im August rund die Hälfte der Dieselimporte der Europäischen Union aus den Vereinigten Staaten, dem grössten Dieselexporteur der Welt.

Brüssel und Paris suchen eine gemeinsame Linie

Entsprechend gross ist das Interesse an einer abgestimmten Antwort. Die EU-Mitgliedsstaaten kamen vor dem Wochenende zu Krisengesprächen zusammen, um auf die stark gestiegenen Dieselpreise zu reagieren. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič hatte am Rande des Treffens der G20-Handelsminister in Milwaukee mit dem US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer über die Versorgung gesprochen. Man habe jedes Interesse daran, gemeinsam die Preise zu senken, ob bei Diesel oder bei anderen Produkten aus Öl und Gas, sagte er vor Journalisten. Ein Exportverbot der USA käme aus seiner Sicht unerwartet und würde die wirtschaftlichen Aussichten Europas belasten.

Zugleich treibt Paris die Abstimmung auf höchster Ebene voran. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will nach einem Telefonat mit Trump seine Amtskollegen aus der G7 zusammenrufen, um über Schritte an den Märkten für Rohöl und Ölprodukte zu beraten, teilte der Élysée-Palast am Freitag mit. Einem Informanten von Reuters zufolge könnte das Gespräch der Staats- und Regierungschefs bereits am Freitagnachmittag stattfinden.

G7-Staaten wollen 100 Millionen Barrel Öl aus Reserven freigeben

Die G7-Staaten wie Deutschland, Frankreich und die USA dringen angesichts der steigenden Kraftstoffpreise auf eine Nutzung von Ölnotreserven. Ab sofort und über vier Monate sollten 100 Millionen Barrel Rohöl der im März beschlossenen Freigabe tatsächlich freigegeben werden, hiess es in einem gemeinsamen Schreiben der Gruppe demokratischer Industrienationen. Zuvor hatten sich die G7 in einer Videoschalte beraten. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz nahm teil.

Ausserdem werde man in den kommenden Tagen im Rahmen der Internationalen Energieagentur (IEA) zusammenkommen, um die Möglichkeit zusätzlicher Diesel-Freigaben zu erörtern, hiess es weiter. Die Stellungnahme spricht von einer "beispiellosen Volatilität auf den Ölmärkten".

Die grundsätzliche Entscheidung über eine Freigabe von Reserven liegt bei der IEA mit ihren 32 Mitgliedsländern. Die IEA hatte zuletzt im März als Reaktion auf den Iran-Krieg eine Rekordmenge von 400 Millionen Barrel Rohöl strategischer Ölreserven freigegeben. Wegen der weltweit steigenden Preise, vor allem für Diesel, kam die Frage erneut auf. US-Finanzminister Scott Bessent schrieb am Donnerstag auf der Plattform X, Europa solle "zusätzliche Liefermengen unverzüglich bereitstellen".

Zur G7 gehören Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, die USA, Japan, Italien und Kanada. Frankreich hat derzeit den Vorsitz der Gruppe.

Warum der Ölpreis an der Strasse von Hormus hängt

Ob zusätzliche Barrel aus den Lagern die Lage nachhaltig entspannen, bezweifeln allerdings manche Fachleute. Die USA hätten im Kern kein Dieselproblem, auch kein Problem bei Raffinerieprodukten und womöglich nicht einmal ein Ölproblem, sondern ein globales Energieproblem, schrieb Walt Chancellor von der Macquarie Group am Donnerstag in einer Studie. Die Lösung sei mehr Öl durch die Strasse von Hormus und aus dem Nahen Osten. Alles darunter komme einem blossen Umstellen der Liegestühle an Deck gleich.

Die Meerenge zählt zu den wichtigsten Routen des weltweiten Ölhandels. Nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran Ende Februar 2026 war der Schiffsverkehr dort stark eingebrochen, diese Woche kehrten die täglichen Exporte durch die Passage wieder auf das Vorkriegsniveau zurück. Am Ölmarkt dürfte nun vor allem darauf achten, ob die Brüsseler Krisengespräche in einen Beschluss münden und Washington im Gegenzug auf ein Exportverbot verzichtet.

Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.ch mit Material von awp international

Dieser Text dient ausschliesslich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schliesst jegliche Regressansprüche aus.

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