| Experten-Kolumne |
26.05.2026 09:09:52
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Ein neuer Fed-Vorsitzender, ein anderer Ton - aber vertraute Grundlagen
Kevin Warsh wurde letzte Woche zum Vorsitzenden der Fed ernannt. Wir gehen davon aus, dass er einen reflektierten, aber eigenständigen Ansatz in der Geldpolitik verfolgen und im Laufe der Zeit versuchen wird, die Strategie der Fed in mehreren Bereichen anzupassen. Die Veränderungen werden jedoch evolutionärer statt revolutionärer Natur sein.
Diese gegenläufigen Tendenzen bergen Risiken für beide Seiten des doppelten Mandats der Fed - Preisstabilität und maximale Beschäftigung - und deuten darauf hin, dass die Fed noch einige Zeit, möglicherweise sogar über das Jahr 2026 hinaus, eine abwartende Haltung einnehmen könnte. Warsh ist selbstbewusst und überzeugend. Als Vorsitzender kann er die Diskussionen der Fed in seine Richtung lenken. Doch die Geldpolitik bleibt eine Entscheidung des Ausschusses.
Fortschritte bei politischen Vorschriften, Kommunikation und der Bilanz Warsh setzt sich seit Langem für eine regelbasierte Geldpolitik ein. Er vertritt die Ansicht, dass sich Zentralbanken weniger auf Ermessensentscheidungen und mehr auf einen klaren geldpolitischen Rahmen stützen sollten. Er kritisiert, dass die Führung der Fed bisher zu sehr ad hoc vorgegangen sei und sich nicht an einem Leitrahmen orientiert habe, wie etwa an der Taylor-Regel. Diese sieht geldpolitische Anpassungen auf der Grundlage von Daten, Trends und mathematischen Analysen vor. Er könnte versuchen, die Geldpolitik der Fed in Richtung eines disziplinierteren Ansatzes zu lenken.
Warsh hat ausserdem die Kommunikation der Fed kritisiert: Seiner Meinung nach äussern sich Fed-Vertreter zu häufig, insbesondere durch detaillierte Forward Guidance zur künftigen Politik. Er befürchtet, dass eine solche Guidance die Märkte verwirren und die Flexibilität der Entscheidungsträger einschränken könnte. In seiner Anhörung vor dem Senat signalisierte Warsh sogar die Bereitschaft, die regelmässigen Pressekonferenzen nach den Sitzungen einzuschränken. Wir bezweifeln jedoch, dass er dies tatsächlich tun wird. Eine Neukalibrierung der Fed-Kommunikation unter Warshs Führung ist möglich und könnte in einigen Kreisen als Mittel zur Verbesserung der Klarheit und Flexibilität der Politik begrüsst werden. Allerdings haben sich die Märkte an zwei Jahrzehnte «Open-Mouth-Operations» gewöhnt und andere Fed-Vertreter können weiterhin in vielen Foren ihre Meinung äussern.
Ein weiterer Fokus könnte auf der Bilanz der Fed liegen. Warsh hat sich kritisch über den Umfang und die Zusammensetzung des umfangreichen Anleiheportfolios der Fed geäussert. Dieses wurde im Laufe mehrerer Zyklen der quantitativen Lockerung aufgebaut. Wir gehen davon aus, dass er die Bilanzstrategie der Fed genau unter die Lupe nehmen wird. Er hat Überlegungen angestellt, diese schrittweise zu reduzieren, kurzfristigere Vermögenswerte zu halten und einen klareren Rahmen für ihr langfristiges Volumen zu schaffen. Wie bei einer Entscheidung über eine Zinssenkung oder -erhöhung bedarf jedoch auch jede Änderung der Bilanzpolitik der zustimmenden Mehrheitsentscheidung des Federal Open Market Committee (FOMC).
Was erwartet uns unter einer von Warsh geführten Fed?
Unter dem Vorsitz von Warsh ist davon auszugehen, dass die Federal Reserve ihre langjährige Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit bewahren wird. Er ist befugt, unabhängig zu handeln, und lässt sich nicht von der Politik beeinflussen. Er hat eine klare eigene Meinung und wird Entscheidungen auf der Grundlage wirtschaftlicher Faktoren treffen. Ich gehe davon aus, dass er die institutionelle Glaubwürdigkeit der Fed und die Tradition der komiteebasierten Entscheidungsfindung fortsetzen wird. Die Unabhängigkeit der Fed ist im Kongress und an den Märkten nach wie vor fest verankert, was Warshs Fähigkeit zu einer effektiven Führung stärkt.
Die von Warsh geführte Fed wird ihre geldpolitische Strategie wahrscheinlich neu ausrichten, anstatt abrupte Änderungen vorzunehmen. Dies könnte eine schrittweise Normalisierung der Bilanz, eine Verlagerung hin zu Anleihen mit kürzerer Laufzeit und eine Straffung der Kommunikation der Fed beinhalten, um eine zu klare Festlegung auf künftige Schritte zu vermeiden. Diese Anpassungen werden wahrscheinlich sorgfältig und wohlüberlegt eingeführt. Wir gehen davon aus, dass Kernprinzipien wie die Unabhängigkeit der Fed, die Datenabhängigkeit und der Konsens im Ausschuss intakt bleiben, auch wenn Warsh der Politik nach und nach seinen Stempel aufdrückt.
In der Praxis liegt die Macht eines Fed-Vorsitzenden in der Überzeugungskraft und nicht in einseitigem Handeln. Warsh muss eine Mehrheit (d. h. mindestens sechs weitere stimmberechtigte Mitglieder) im FOMC von sich überzeugen, um grössere Kurswechsel umzusetzen. Obwohl wir die Fed oft nach dem Namen ihres Vorsitzenden charakterisieren - die «Warsh-Fed», die «Powell-Fed», die «Greenspan-Fed» -, ist und war sie immer eine Gruppierung, ein Committee. Der Einfluss des Fed-Vorsitzenden beruht darauf, Kollegen zu einem Konsens zu führen. Warsh kann ein überzeugender Leader sein - eine Eigenschaft, die er in dieser Rolle benötigen wird.
Umfassende Erfahrung in Politik und Wirtschaft
Wie ich bereits im Januar bei Warshs Nominierung dargelegt habe («Under a Warsh Fed, Expect a Thoughtful Policy Approach»), ist er aufgrund seiner umfangreichen Erfahrung bestens qualifiziert, die Federal Reserve zu leiten. Während seiner früheren Tätigkeit als Gouverneur der Fed von 2006 bis 2011 hat er sich während der globalen Finanzkrise als wichtige Schnittstelle zwischen der Fed und den Finanzmärkten ausgezeichnet. Er ist sowohl in politischen als auch in Marktkreisen bekannt und angesehen. Seine Kombination aus krisenerprobtem Einsatz für die Fed und Einblicken aus der Privatwirtschaft verschafft ihm eine wertvolle Perspektive auf die bevorstehenden geldpolitischen Herausforderungen.
Die Warsh-Fed könnte offener für Anpassungen ihres Handlungsrahmens sein. Das könnte kurzfristig Unsicherheit mit sich bringen, langfristig jedoch für mehr Klarheit sorgen. Es handelt sich um einen bedeutenden Wandel, der nicht nur den Kurs der Politik, sondern auch das Verständnis dieser Politik prägen wird.
Von Richard Clarida, Global Economic Advisor bei PIMCO
Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schliesst jegliche Regressansprüche aus.
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