| Experten-Kolumne |
17.08.2023 15:44:03
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PIMCO - Deflation in China: eine globale Sorge
Während die Zentralbanken in den USA, Europa, Kanada und dem Vereinigten Königreich in diesem Sommer in ihrem Kampf gegen die Inflation die Zinssätze erhöht haben, sehen sich die politischen Entscheidungsträger in Peking einer anderen Herausforderung gegenüber - der Deflation.
Zwar ändern sich die Verflechtungen zwischen China und der Weltwirtschaft, da Peking versucht, zu einem konsumbasierten Wachstumsmodell überzugehen. Zudem gibt es immer noch Handelskonflikte mit dem Westen. Dennoch ist China nach wie vor der grösste Hersteller der Welt. Infolgedessen werden die Schwäche der chinesischen Wirtschaft und die sinkenden Preise (insbesondere die chinesischen Erzeugerpreise) wahrscheinlich auf die globalen Märkte übergreifen - kurzfristig ist das eine gute Nachricht für den Kampf der westlichen Zentralbanken gegen die hohe Inflation.
Effizienter Produktionssektor bremst die Inflation ...
Im Gegensatz zu den westlichen Volkswirtschaften, die eine hohe Inflation erlebten, nachdem sie die Pandemie mit einem Nachfrageüberhang und Kapazitätsengpässen überwunden hatten, sah sich die chinesische Wirtschaft nach dem Ende der strikten Null-COVID -Politik im vergangenen Januar keiner hohen Inflation gegenüber. Chinas Position als weltweite Drehscheibe des verarbeitenden Gewerbes in Verbindung mit seiner äusserst wettbewerbsfähigen Produktion von Endverbrauchsgütern trug dazu bei, den Inflationsdruck abzumildern. Denn die durch die Null-COVID-Politik bedingten Engpässe im verarbeitenden Gewerbe wurden beseitigt, als die Wirtschaft wieder geöffnet wurde und die Inlandsnachfrage stieg. Der effiziente Abgleich von Angebot und Nachfrage über Online-Plattformen minimierte die Reibungsverluste weiter. Moderate globale Rohstoffpreise, nachdem Europa nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine die Energievorräte für den Winter wieder aufgefüllt hatte, milderten den Inflationsdruck weiter.
…Deflationsrisiken gibt es trotzdem
Da die chinesische Inlandsnachfrage jedoch stockt und gleichzeitig die weltweite Nachfrage nach chinesischen Produkten nachlässt, hat das Land Überkapazitäten. Denn die Produzenten bemühen sich, ihre hohen Lagerbestände abzubauen.
Der Desinflationsdruck ist vor allem auf den Schuldenabbau im Immobiliensektor und in der Kommunalfinanzierung zurückzuführen, der die Inlandsinvestitionen erheblich beeinträchtigt und zu weitreichenden Überkapazitäten im verarbeitenden Gewerbe geführt hat. Aber auch die rückläufigen Exporte haben dazu beigetragen. Denn die weltweite Nachfrage konzentriert sich zunehmend wieder auf Dienstleistungen. Der pandemiebedingte Boom chinesischer Waren ebbt daher ab.
Darüber hinaus fiel die Reaktion der Regierung auf diese schwächelnden Fundamentaldaten deutlich zu schwach aus. Die von der Regierung eingeleiteten Massnahmen zur Ankurbelung und Stabilisierung des Wachstums durch die Vergabe von günstigen Krediten, insbesondere an staatliche Unternehmen und für Infrastrukturinvestitionen, reichten nicht, um die Belastung durch den Immobilienmarkt auszugleichen. So sank die Vergabe neuer Kredite an die Wirtschaft im vergangenen Jahr.
Deflation dürfte auf andere Länder übergreifen
Wichtig ist, dass wir nicht glauben, dass der Deflationsdruck nur für China gilt. Während die Störungen und Veränderungen in den Volkswirtschaften nach der Pandemie die Frage aufgeworfen haben, inwieweit die chinesische Wirtschaft immer noch den Welthandel und die Industriezyklen dominiert, sehen wir mehrere Gründe, die eine Verstärkung der so genannten Spillover-Effekte in den entwickelten Märkten erwarten lassen.
1. Chinesische Industrieprodukte dominieren nach wie vor die Konsumgütermärkte, insbesondere in den USA (obwohl der Importanteil chinesischer Konsumgüter seit den ersten Zollerhöhungen der Trump-Administration zurückgegangen ist). Die Kerninflation der Verbraucherpreise in den USA scheint der typischen Verzögerung zwischen den jüngsten Rückgängen des wechselkursbereinigten Einkaufspreisindex (PPI) für chinesische Verbrauchsgüter zu folgen. Den Daten des U.S. Census Bureau vom Juni zufolge sind die Preise für aus China importierte Waren im Durchschnitt um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken, während die Erzeugerpreise für Konsumgüter in China in US-Dollar um fünf Prozent sanken. Wichtig ist, dass diese Rückgänge an die US-Verbraucher weitergegeben werden. Im Juli waren die US-Einzelhandelspreise zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie auf Jahresbasis für drei Monate rückläufig. Die USA waren die erste Industrienation, in dem seit der Pandemie Inflationstendenzen verzeichnet wurden. Das deutet darauf hin, dass sich die sinkenden US-Preise letztendlich in den Inflationsmetriken anderer Industrieländer niederschlagen dürften.
2. Peking könnte, wenn sich die chinesischen Abwärtsrisiken materialisieren, das inländische Wachstum mit einer Politik stabilisieren, die die Exporte ankurbelt und billige Konsumgüter auf den Weltmarkt drückt. Die Exporte haben sich in den letzten Monaten abgeschwächt und werden in den kommenden Monaten voraussichtlich weiter zurückgehen. Nach der Pandemie hat die Regierung die Angebotsseite gestützt, den Verbrauchern aber kaum Subventionen gewährt. Infolgedessen scheint China ein Problem mit dem inländischen Überangebot zu haben - das Verhältnis zwischen Lagerbeständen und Verkäufen scheint erhöht zu sein. Angesichts der schwachen Inlandsnachfrage inmitten eines angeschlagenen Immobiliensektors und eines getrübten Verbrauchervertrauens könnten die chinesischen Politiker das Wachstum ankurbeln, indem sie den Verkauf dieser Waren im Ausland fördern. In Deutschland scheint dies bereits der Fall zu sein: die chinesischen Exporte von preisgünstigen Elektrofahrzeugen sind in letzter Zeit stark gestiegen. Unterdessen könnten die Preissenkungen im Inland auf andere Länder übergreifen.
3. Ein gemeinsamer globaler deflationärer Faktor bleibt bestehen, nämlich der Rückgang der Rohstoffpreise. Dieser hat dazu beigetragen, dass die globale Gesamtinflation von einem Höchststand von 8,2 Prozent vor einem Jahr auf 4,4 Prozent im Juli gesunken ist. Die Rohstoffnachfrage (bzw. deren Fehlen) in China bleibt ein wichtiger Bestimmungsfaktor für die weltweiten Rohstoffpreise. Schwache chinesische Inlandsinvestitionen und weit verbreitete Überkapazitäten im verarbeitenden Gewerbe sowie schwache Verkäufe von neuen Häusern und Grundstücken werden die weltweite Rohstoffnachfrage wahrscheinlich weiterhin drücken.
Fazit
Die sich verschlechternden wirtschaftlichen Fundamentaldaten Chinas haben zu einem deflationären Druck geführt, der die Inflation sowohl in China als auch auf den globalen Märkten, die von chinesischen Waren beliefert werden, bereits abschwächt. In Anbetracht der üblichen Verzögerungen haben die Auswirkungen der Deflation auf die globalen Verbrauchermärkte wahrscheinlich gerade erst begonnen, wobei sich die Preisnachlässe in den kommenden Quartalen wahrscheinlich noch verstärken werden.
Für China hängt das Risiko eines ausgeprägteren Deflationsdrucks entscheidend von der Politik der Regierung in den kommenden Monaten ab. Angemessene fiskalische Anreize zur Ankurbelung der Inlandsnachfrage könnten die Inflation wieder beschleunigen, während verzögerte oder unzureichende politische Massnahmen zu einer Abwärtsspirale führen könnten. Eine anhaltende Deflation in China würde wahrscheinlich auf die Industrieländer übergreifen, da ein schwächerer Yuan und ein höheres Verhältnis von Lagerbeständen zu Verkäufen chinesische Waren im Ausland verbilligen würden - eine Entwicklung, die Zentralbanker in den Industrieländern wahrscheinlich begrüssen würden.
Beitag von Tiffany Wilding, Ökonomin für Nordamerika und Carol Liao, China-Volkswirtin.
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